Naters
Naters
Laudatio GV OHS November 2005
Neues Leben blüht aus den Ruinen... Alt und Neu, zerfallen lassen oder umnutzen. Ein Beispiel aus Naters.
Einleitung
Mitten in einem der bekannten Oberwalliser Ortskern steht eine moderne Häusergruppe. Alte Kirche, Beinhaus, Häuserzeilen aus vergangenen Jahrhunderten, alte Stadel und Ställe – und jetzt moderne Architektur mittendrin. Die Faust aufs Auge? Der Oberwalliser Heimatschutz denkt das Gegenteil und ich möchte Ihnen im Folgenden erklären, warum das so ist.
Die Häusergruppe und ihr Umfeld
Mitten in den alten Wohnhäusern, Stallbauten, Scheunen und Stadeln wurden zwei nutzlose Ökonomiegebäude nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, sondern erhalten. So konnte das Entstehen einer unschönen "Zahnlücke" vermieden werden, wie sie uns andernorts ins Auge stechen. Weiter wurde bei der Umnutzung zu Wohnzwecken auf den Charakter des Baus selbst und auf die Umgebung Rücksicht genommen. Weder in ihre Grösse noch in der Material- bzw. Farbwahl stellen die nun als Wohnraum genutzten Gebäude einen Fremdkörper dar; gleichzeitig verleugnet die Architektur aber die Umnutzung und die Moderne nicht: Was neu ist, ist klar erkennbar, doch respektiert es die Sprache der Umgebung.
Die wesentlichen Punkte
Hinzuweisen ist an erster Stelle auf die Volumetrie der beiden Gebäudeteile. Beim linken Ökonomiegebäude wurde das bestehende Volumen: Länge, Breite, Höhe, Dachform – die äusseren Umrisse des Gebäudes belassen. Beim rechten Gebäude wurde die Volumetrie zum Kirchplatz angepasst, um aus städtebaulicher Sicht die bestehende Lücke zu schliessen und so eine Harmonisierung zu erzielen. Die Neu - Interpretierung der Häusergruppe fügt sich gut in die gebaute Nachbarschaft ein. Ebenso die, für die Aussenhülle verwendeten Materialien und die Farben: Mauersockel, Holzteile, Dachhaut und Öffnungen sind in Anlehnung an die bebaute Struktur ausgewählt und eingesetzt worden. Dies sind die wichtigsten Punkte, die ein ausgewogenes Nebeneinander von alter und neuer Bausubstanz ermöglichen. Sie scheinen uns wichtiger als spitzfindige Details, die man eventuell anders hätte lösen können. Und was den Vorstand des OHS ebenso zur Preisvergabe an das Beispiel Naters bewog, war ein weiterer grundsätzlicher Punkt:
Leben im alten Ortkern
Das Problem ist inzwischen nicht nur in Bergdörfern bekannt: Die Ortskerne sterben aus! Läden schliessen, Wohnungen stehen leer, Ökonomiegebäude zerfallen – mancher Dorfkern droht zu einer baufälligen "Geisterstadt" zu werden, ein Problem, das nicht nur im Oberwallis, sondern auch in anderen Regionen der Schweiz droht (und des benachbarten Auslandes, wie wir bei Ferienreisen vielleicht beobachten können).
Das Beispiel Naters zeigt, dass es auch anders gehen kann: Die ehemals leerstehenden Wirtschaftsgebäude sind heute bewohnt. Gerade in für die in der Nähe liegende und teils leerstehende Häuserzeile am Kirchplatz eine Signalwirkung, der man Nachahmung wünscht. Die Philosophie kurz auf einen Nenner gebracht: Erhalten und dichter bauen, statt zerfallen zu lassen oder sich im Grünen auszubreiten / Neu gestalten und dies auch zeigen dürfen, dennoch die Sprache des gebauten Umfeldes respektieren / In alten Dorfkernen und alten Gebäuden gemäss modernen Ansprüchen leben können – und hier mehr Qualität empfinden als in den Retorten-Einfamilienhäuser am Siedlungsrand. Wir gratulieren dem Bauherren Kilian Carrarini und dem Architekten Diego Clausen für den Mut und das nötige Fingerspitzengefühl, welches Sie beim der Umnutzung dieser beiden Ökonomiegebäude bewiesen haben. Wir wünschen uns noch mehr solcher Bauherren, welche das Potential des „Leben und Wohnen im Dorfkern“ entdecken und auch bereit sind, durch gezielte Nutzung solche Gebäude vor dem Zerfall zu schützen. Es freut uns Herr Carrarini für das gelungene Werk den Oberwalliser Heimatschutzpreis 2005, gestiftet vom Verband der Oberwalliser Raiffeisenbanken, zu überreichen.
Naters, 11. November 2005 Kummer Michel, dipl. arch fh / OHS